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Mariem Hassan
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1958 erblickte Mariem Hassan, als dritte von insgesamt zehn Kindern einer Familie, die von ihrer Schafherde lebte, in der Nähe der Stadt Smaradas, das Licht der Welt.
Die Familie kann nicht unbedingt als typische Musikerfamilie bezeichnet werden, auch wenn im engen Kreis der Familie immer musiziert wurde. Der Vater hatte eine gute Stimme, aber es war die Mutter, von der aus das Künstlerische kraftvoll erstrahlte. Die Tante genoß einen gewissen Ruf als Sängerin und Tänzerin, der Onkel Bushad war ein anerkannter Poet und die Mutter sang bei kleineren Festen, die zum Anlaß von Geburten, Hochzeiten, dem Ramadan oder wenn irgendein Freund, von dem es lange keine Nachrichten gab, erschien. Von den Brüdern müssen Boika Hassan, ein guter Gitarrist und der Poet Mohamed Salem herausgehoben werden.
Mariem begann schon sehr früh mit dem Singen, als die Sahara noch zu spanischem Territorium zählte. Sie sang bei kleinen Festen und Versammlungen und schon da intonierte sie Lieder der Freiheitsbewegung „Frente Polisario“. Dies war etwas sehr Normales für sie. Obwohl zwei ihrer Brüder im spanischen Heer dienten, hoffte die Familie und ihre Umgebung mit Sehnsucht auf die Freiheit und Unabhängigkeit ihrer Kolonialherren.
Mariem war 16 Jahre alt, als Hassan II, König von Marokko, Tausende von Marokkanern, darunter Alte, Frauen und Kinder, dazu aufrief, die Grenze zum Sahara-Gebiet mit der sogenannten Marcha Verde zu überschreiten und zu besetzen. Die zwei Brüder, die beim Militär waren, hatten Autos und brachten so die Familie in die Enklave Mjeriz, in der Nähe von Tifariti, der ersten Etappe des Exodus. Von dort gingen sie nach Algerien. In Gedenken an die Stadt, die von den meisten Einwohnern verlassen wurde, nannten sie ihr dortiges Lager Smara.
Mariem Hassan lebte dort 26 Jahre und gebar ihre fünf Kinder. Einer davon studiert heute in Kuba, ein anderer in Argel, ein dritter wurde von einer spanischen Familie in Granada aufgenommen und die zwei Übrigen leben weiterhin in der Lagerstadt. Ihr Ehemann Bachir arbeitet seit nicht sehr langer Zeit in Spanien.
Die vier großen Lagerstätten organisierten sich nach den vier „Wilayas“ (Provinzen) der Sahara- Gebiete: Smara, El Aiun, Auserd und Dajla. Jede Wilaya teilte sich in Daíras (Distrikte) und diese wiederum in Stadtteile auf. In jeder dieser Bevölkerungsgruppen war und ist immer noch eine Musikgruppe damit beauftragt, die traditionelle Kultur zu überwachen.
Die Frente Polisario hielt -aus einem klaren politischen Hintergrund heraus, der wiederum ein wichtiges Puzzlestück für ihre internationale Propaganda darstellte- die Organisation eines stabilen musikalischen Ensembles für sehr wichtig. Dies waren die Jahre, in denen die politischen Liedermacher Spanien überrollten, die Nueva Trova Cubana seine besten Momente erlebte und die Lieder von Victor Jara und Quilapayún noch nachhallten. So wurde die Gruppe “El Hafed“ geboren, die sich nach dem, in einer Schlacht umgekommenen, ersten Sekretär und Gründer der Frente Polisario, in „Martir El Uali Mustafa Sayad“ umbenannte, besser bekannt als „El Uali“.
Mariem wurde Mitglied dieser Gruppe, bereiste mit ihr viele Länder und nahm an vielen zum Teil politisch hochrangigen kulturellen Aktivitäten teil, die, als der Krieg mit Marokko noch in vollem Gange war, oftmals von Aktivisten und marokkanischen Beamten im Ausland boykottiert wurden.
“El Uali” nahm in verschiedenen europäischen Ländern vier oder fünf Cds auf, die von Solidaritäts-Organisationen unterstützt wurden. Herausragend dabei ist “Polisario Vencerá”, produziert von Mohamed Tami, welcher von Mitte der 70er bis in die 80er Jahre Kultusminister in den Sahara- Ge-bieten war. Die CD wurde ursprünglich von Guimbarda 1982 erstveröffentlicht und 1998 von Nuben-egra wiederveröffentlicht. Mariem nahm, wie viele andere Frauen, welche auch Mitglieder von “El Uali” waren, nicht regelmäßig an den Touren teil, sondern war in ihren Aktivitäten durch Schwanger-schaften, Geburten und durch das Aufziehen ihrer Kinder beinträchtigt. Sie nahm an den Aufnahmen, die 1980 in Holland getätigt und niemals veröffentlicht wurden, teil. Die Tour, welche die Veröffentli-chung des Albums unterstützen sollte, wurde auf Grund eines dieser unglücklichen Umstände, welche die Gruppe immer wieder heimsuchte, abgesagt und damit wurden auch die Aufnahmen vergessen.
Daher musste das Publikum bis 1998 auf „A pesar de las heridas“ warten, um die Stimme von Mariem in mehreren Liedern zu geniessen. Herausragend war dabei das Lied „Canción de la Intifada“, das sich bei den späteren Touren mit Leoyad, der Gruppe, mit der sich Mariem in ganz Europa präsentierte, als wichtiger Bestandteil des Programms etablierte. Nach vier intensiven Jahren der kontinuierlichen Arbeit mit Nubenegra, konsolidierte sich Leoyad dank der Bemühungen von zwei der wichtigsten Musiker des Sahara-Gebietes: Mariem Hassan und Nayim Alal.
In dieser letzten Etappe konzentrierte sich Mariem mehr und mehr auf die Kompositionsarbeiten. Als Nubenegra ihr im Jahr 2000 die Aufnahmen von Medej-Liedern zusammen mit Leoyad vorschlug, präsentierte Mariem Hassan Lieder wie „Sahara neb gija“ oder „Yasar geidu“ und so blieb nichts übrig, als sich diesen musikalischen Perlen zu ergeben.
Mariem drückt sich für gewöhnlich in Hasania aus, der Sprache der Sahara-Gebiete und hat noch immer ernste Probleme mit dem Spanischen. Dies ist der Grund, warum sie bislang kaum Interviews gab und aus diesem Grund haben ihre Erklärungen, die sie in einem langen Gespräch mit Carmelo Lattassa gab, doppelten Wert:
„Wir haben unser eigene Sprache (Hassania, ähnlich der Sprache der Bärber mit mauritanischen Wurzeln). Die Mauritaner haben dieselbe Musik wie wir, nur ist unsere moderner; sie haben die Haul (einheimische Form und Rhythmus) ebenso wie wir. Unsere Lieder sind anders, weil wir über unsere Probleme singen, die uns seit unserer Flucht aus der Sahara verfolgen, über die weinenden Kinder, deren Väter in den Krieg zogen und nicht mehr wiederkamen, über die Frauen, deren Ehemänner und Väter in den Krieg zogen und über die Toten, das Leben, die Politik, über Gott, über unser Land, in das wir zurückkehren wollen.“
“Ich habe ein Lied über meine Brüder geschrieben. Es heisst “Tus ojos lloran” (zu deutsch: Deine Augen weinen) und handelt von meinen Brüdern und meinem Vater. Eines Tages kam eine Freundin zu einer Probe. Sie nahm mich beiseite, um mir zu sagen, dass meine Brüder gefallen waren. Ich weinte und sang danach wieder. Als ich dieses Lied schrieb, dachte ich an meine Brüder und an die Zeit, als wir noch in der Sahara lebten, wie wir die Berge hinaufkletterten, wie wir miteinander redeten und zusammen lebten. Jetzt frage ich mich: Wo sind sie?”
“Nachdem die Spanier ihre Kolonie in dem Sahara-Gebiet verliessen, wurden diese von Marokko und Mauritanien besetzt. Das Volk der Sahara-Gebiete flüchtete nach Algerien und gründete die RADS (Demokratische Arabische Republik Sahara, von 76 Ländern anerkannt). Die Mauritanier ließen ab von ihrem Bestreben, aber bis heute ist das Gebiet von der marokkanischen Regierung mit der Hoffnung auf ein Referendum besetzt. Die Bevölkerung widersetzte sich der militärischen Front, aber die militärische Überlegenheit des marokkanischen Heeres brachte ihnen viele Tote.”
„Wenn ich Probleme habe, sage ich mir: Mulana (Gott), hilf mir!. Das Leben ist einfach so. Wenn jemand Probleme hat, wenn jemand krank ist, jemand stirbt, jemand gut lebt, jemand schlecht lebt, wenn jemand Probleme mit seiner Familie, dem Staat, seiner Arbeit hat, geht das Leben weiter. Wenn zum Beispiel mein Ehemann sterben würde, bin ich dann ebenfalls tot? Nein, ich muss daran denken, wie ich weiterlebe und wie meine Kinder in der Zukunft leben werden. Es ist einfach so.“
„Die Leute im Okzident haben Wände, an die man Portraits hängen kann. Im Gegensatz dazu leben wir in Stoffzelten, und wenn es regnet, tritt das Wasser in das Zelt ein und macht alles bis zur Fußmatte nass. Wenn es kalt ist, ist es furchtbar kalt (in der Wüste können Temperaturen bis unter 0 Grad erreicht werden). Die Mehrheit der Menschen hat nichts, um ihre Zelte zu heizen. Wenn es heiß ist, können Temperaturen bis zu 50º Grad erreicht werden und das macht das Leben sehr hart.“
„Wir haben alle Trockengerichte kennengelernt: Linsen, Bohnen, sowie härtere Sachen. Dann suchen wir Wasser in den Brunnen, um diese kochen. Das Wasser ist sehr salzig, aber es ist das, was wir haben. Wir machen das Brot, das Essen und alles andere mit der Hand, und wir leben alle innerhalb unseres Zelts, die Mutter, der Vater, die Söhne, die, die zu Besuch kommen.“
„Als ich begann Musik zu komponieren, hatte ich kein Instrument bei mir, ausser dem Tambourin. Früher setzten wir uns in einen Kreis und sangen für uns. Aber jedes Jahr machen wir mehr Sachen, wir gehen raus und machen es anders. Jetzt treffen sich Shueta, Mudleila (sahaurinische Sänger), und ich, zusammen mit zwei Gitarristen und komponieren. Aber wenn ich alleine bin, komponiere ich nur mit einem Tambourin, schreibe zuerst die Texte und dann die Musik, bis schliesslich das Lied fertig ist. Manchmal kommt etwas Gutes dabei raus, manchmal nicht. Ich schreibe nur die Texte auf, die Musik merke ich mir.“
„Ein Poet sieht eine Frau, beschreibt sie und schreibt ein Gedicht. Ich mache die Sachen anders, ich mache es singend. Vor dem Krieg, machten wir Lieder über Liebe und schöne Dinge, aber der Krieg und das Fehlen unseres eigenen Landes hat uns dazu gebracht von wichtigeren Dingen zu reden, von Kindern, Märtyrer, vom Krieg.“
“Das Spielen des Haul erfordert die Einhaltung sehr strikter Regeln der Gedächtnisarbeit und der Interpretation. Die aktuellen Sänger pflegen ihre Texte aufzuschreiben, aber der Rest ist wie früher. Man begleitet mit dem Tebal, einem Tambourin mit einem Durchmesser von ca. 60 cm, gemacht aus einem ausgegrabenen Holznapf und dem Leder eines Kamels oder einer Ziege, fast aussschliesslich gespielt von Frauen mit ihren Händen und einem sehr trockenen und gleichzeitig tiefgründigen Klang. Seit jeher benützt man das Tidinit, ein Instrument aus ausgegrabenem Holz und einem Lederdeckel, gleich einer Gitarre mit vier Saiten. In den Liedern benützt man seit langer Zeit die Gitarre aufgrund ihres harmonischen Reichtums. Man spielt diese aber auf der Basis der Tidinit, was daher für westliche Ohren, die an den Klang der klassischen Gitarre gewöhnt sind, so verschieden und schwierig klingt.”
„Wenn ich für jemanden anderen als meine Leute singe, fühle ich mich sehr glücklich, immer sehr glücklich. Und wenn das Publikum applaudiert, hole ich noch mehr aus mir raus, mit mehr Freude.“
„Ich habe zweimal geheiratet. Mein erster Mann wollte nicht, dass ich singe oder mich mit der Kultur beschäftige. Als ich heiratete, war das auf die alte Art und Weise; Er redete mit meiner Familie, meinen Brüdern, aber nicht mit mir. Ich schenkte ihm drei Kinder, aber seine Haltung gefiel mir nicht. Ihm gefiel nichts, was ich machte, nicht mein Gesang, nicht meine Arbeit in der Wilaya, sodass ich ihm schliesslich sagte, dass ich so nicht weiter leben könne. So unterschrieb er einen Brief, mit dem er mich in die Freiheit entließ, weil die Frau sich nach den Regeln des Islam nicht von ihrem Mann trennen kann (Sharia). Meinen jetzigen Mann suchte ich mir selber aus. Zuerst muss man die Liebe aufbauen und danach alles andere. Wir Frauen machen alles, was die Männer machen, weil unser Islam sehr einfach und kein militanter Islam ist. Ich reise sehr oft ausserhalb der Wilayas, in andere Länder, und mein Mann empfindet das als normal. Wenn ich zurückkomme, arbeite ich in meinem anderen Beruf als Krankenschwester.“
„Ich denke immer daran, wieder in die besetzten Sahara-Gebiete zurückzukehren. Ich denke immer an das Zurückkehren.“
Das Interview mit Carmelo Lattassa endete mit dieser reizenden Illustration:
Das Spanisch von Mariem ist einfach und limitiert; sie hatte große Schwierigkeiten, den Fragen zu antworten. Als ich sie das erste Mal fragte, ob sie Poesie in den alltäglichen Dingen finden könnne, antwortete sie: „Wenn ich in den Zeltlagern bin, stehe ich um 7:00 Uhr auf und bereite die Kinder für die Schule vor. Manchmal lasse ich die Linsen in der Küche und bitte meine Nachbarin, dass sie auf sie aufpasst und gehe zur Arbeit. Wenn ich zurückkomme, finde ich alles verbrannt wieder. Dann mache ich Couscous, Reis, Konserven mit Milch....
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